Habt Ihr’s schon gesehen? Neu im Buchhandel und am Kiosk: Ein Lustiges Taschenbuch mit dem Titel Heavy Metal, präsentiert vom Wacken Open Air. Was zunächst kurios wirkt, ist bei genauerem Hinsehen ein ziemlich cleverer Marketing-Schachzug des größten Metal-Festivals: Brand-Kooperation, Zielgruppenerweiterung und Szeneframing in einem. 🤘
Als Festivalprofessor sehe ich darin ein aufschlussreiches Beispiel für aktuelle Entwicklungen in der Festivalkommunikation:
💡 Contentstrategie und Ökonomie: Nur 10 von 192 Seiten sind neu – der Großteil des Bandes besteht aus bereits veröffentlichten Geschichten aus den Jahren 1981 bis 2010, die mit Metal meist wenig zu tun haben. Inhaltlich wird die Kooperation so mit minimalem Aufwand realisiert – bei gleichzeitig maximaler Symbolwirkung.
💡 Strategisches Framing: Die eigens für den Band geschriebene Geschichte erzählt Wacken konsequent als Ort der gegenseitigen Hilfe, der Herzlichkeit und des harmonischen Miteinanders. Ob Autopanne bei der Anreise oder Technikausfall auf der Bühne – stets findet sich jemand, der unterstützt. Dieses Framing knüpft nahtlos an frühere mediale Inszenierungen an, etwa den Wacken-Tatort vom 3. Oktober 2023, in dem die Metal-Szene ebenfalls als solidarische und friedliche Gegenwelt dargestellt wurde. Es handelt sich um ein gezielt eingesetztes Narrativ, das der Außendarstellung der Szene dient – oft mit wenig Platz für Ambivalenzen oder gar Kritik.
💡 Zivilisiertes Chaos? Luxuscamping und Nachhaltigkeit: Besonders bemerkenswert ist eine klischeehafte Szene, in der ein aufwändig dekoriertes Zeltlager mit Sofa (!) auftaucht – inklusive der expliziten Aussage, dass natürlich alle ihre Sachen wieder mit nach Hause nähmen. Auch hier wirkt das Framing glattgebügelt: Die Realität auf Festivalgeländen sieht oft anders aus. Müllberge, Stehengelassenes und „Wegwerf-Zelte“ gehören leider vielerorts immer noch zum Alltag. Der Comic dagegen erzählt ein Ideal: Festivalchaos, ja – aber bitte nur, wenn es sich rückstandslos wieder auflöst. Eine narrative Form der Selbstvergewisserung.
💡 Markenerweiterung durch Popkultur-Kopplung: Die Kooperation zielt auf eine bewusste Öffnung in neue Zielgruppenmilieus. Das Lustige Taschenbuch als generationsübergreifende Kindheitserinnerung fungiert hier als popkultureller Resonanzraum, der Festivalbranding mittels Nostalgie und Retrotopie in den Mainstream verlängert. Alles unter der etablierten Marke Wacken.
Ich frage mich:
👉 Wie bewusst und wie authentisch wird hier ein kulturelles Bild konstruiert?
👉 Welche sozialen Praktiken werden romantisiert oder ausgeblendet?
👉 Und was bedeutet es, wenn Festivalmarken in solchen Kooperationen Szeneidentität konstruieren?
🦆 Auch wenn hier sprechende Enten im Infield stehen: Aus Sicht der Festivalforschung ist das mehr als nur ein Comic. 📖


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