Manchmal sind es nicht die groĂen Sicherheitskonzepte, ausgefeilten Kommunikationskampagnen oder komplexen Besucherbefragungen, aus denen man etwas ĂŒber Festivalmanagement lernen kann. Manchmal liegen die besten Praxisbeispiele einfach am Wegesrand.
Beim Electrisize Festival in Erkelenz waren es am vergangenen Wochenende zwei ziemlich imposante Misthaufen, an denen ein groĂer Teil der FestivalgĂ€ste auf dem Weg von der Campsite zum GelĂ€nde vorbeikam. Nicht unbedingt der Touchpoint, den man sich als Veranstalter fĂŒr die Customer Journey seiner GĂ€ste wĂŒnscht.
Wenn ein Problem nicht mehr zu lösen ist
Der Ausgangspunkt war eigentlich banal. Die beiden Haufen waren da. Sie sollten offenbar beseitigt werden. Aufgrund der trockenen Bedingungen war das aber kurzfristig nicht möglich. Damit entstand eine Situation, wie sie bei Festivals immer wieder vorkommt: Ein Problem tritt auf, das nicht eingeplant war und sich vor Beginn der Veranstaltung nicht mehr vollstÀndig lösen lÀsst.
Das Entscheidende ist dann nicht mehr nur die Frage: Wie bekommen wir das Problem weg? Sondern irgendwann auch: Wie gehen wir damit um, wenn wir es nicht mehr wegbekommen?
Genau an diesem Punkt wurde es beim Electrisize interessant. Die Veranstalter versuchten gar nicht erst, das Offensichtliche zu ignorieren. Sie stellten stattdessen entlang des Weges mehrere Schilder auf und machten die Misthaufen selbst zum Thema.
Darauf standen unter anderem Botschaften wie:
âSorry, Leute. Die ScheiĂe bleibt.â
âFun Fact: Je schneller ihr lauft, desto kĂŒrzer riecht ihr es.â
âShit happens.â
âElectrisize prĂ€sentiert: Die Mainstage der Landwirtschaft.â
Oder:
âThis is the real shit.â
Das war simpel. Aber kommunikativ ziemlich clever.
Das Problem blieb â seine Bedeutung verĂ€nderte sich
Aus Sicht der Kommunikationswissenschaft lĂ€sst sich daran ein sehr grundlegender Mechanismus beobachten: Framing. Die Misthaufen verschwanden durch die Schilder natĂŒrlich nicht. Auch ihr Geruch dĂŒrfte sich dadurch nicht wesentlich verĂ€ndert haben. VerĂ€ndert wurde aber der Rahmen, in dem GĂ€ste die Situation wahrnahmen. Ein potenzieller Ărgerpunkt wurde zum Running Gag.
Das Festival ĂŒberlieĂ die Deutung des Problems nicht allein den GĂ€sten, sondern griff die Situation selbst auf und gab ihr eine eigene TonalitĂ€t.
Man könnte sagen: Das Problem wurde nicht gelöst, aber kommunikativ bearbeitet.
Aus einem negativen Touchpoint wird eine Geschichte
Das ist gerade aus Perspektive der Customer Journey interessant. Festivalbesuche bestehen aus zahlreichen Kontaktpunkten: Ticketkauf, Anreise, Einlass, Orientierung, Gastronomie, Toiletten, BĂŒhnen, Camping, Abreise und vielem mehr. Nicht jeder dieser Touchpoints funktioniert immer perfekt.
Gerade bei GroĂveranstaltungen wĂ€re die Vorstellung ohnehin unrealistisch, dass sich jede Situation vollstĂ€ndig kontrollieren lieĂe. Festivals sind hochkomplexe, temporĂ€re Systeme mit tausenden Besuchenden, zahlreichen Dienstleistungsanbietenden, Infrastruktur, WetterabhĂ€ngigkeiten und vielen externen Akteuren. Entscheidend ist deshalb nicht nur die operative QualitĂ€t. Entscheidend ist auch, wie mit Abweichungen und Problemen umgegangen wird.
Beim Electrisize wurde aus einem eindeutig negativen Touchpoint zumindest teilweise ein Erlebnis. Die Fans mussten weiterhin daran vorbeilaufen. Aber sie bekamen dabei etwas zu lachen, etwas zu fotografieren und etwas zu erzĂ€hlen. Aus einem Missstand wurde Content. Und aus Content wurde offenbar sogar Merchandise â wenn auch unfreiwillig.
Denn mehrere der Schilder waren bereits nach kurzer Zeit verschwunden. Offenbar hatten GĂ€ste sie kurzerhand als Souvenirs mitgenommen. Nach einiger Zeit standen nur noch wenige. Als Indikator dafĂŒr, dass die Kommunikation Aufmerksamkeit erzeugt hat, ist das auf jeden Fall bemerkenswert.
Humor ist keine Krisenstrategie fĂŒr alles
Nun wĂ€re es allerdings falsch, daraus die einfache Empfehlung abzuleiten: Bei Problemen einfach einen lustigen Spruch machen. So funktioniert professionelle Krisenkommunikation natĂŒrlich nicht. Humor ist hochgradig kontextabhĂ€ngig. Bei Verletzten, Sicherheitsproblemen, Ăbergriffen, gravierenden organisatorischen Fehlern oder Situationen, in denen Menschen tatsĂ€chlich zu Schaden kommen, kann Ironie völlig unangemessen sein.
Gerade im Krisenmanagement entscheidet deshalb nicht allein die KreativitÀt einer Kommunikation, sondern vor allem ihre Angemessenheit.
Die zentralen Fragen lauten immer: Welche Art von Problem liegt vor? Wie stark sind Menschen davon betroffen? Wer trĂ€gt Verantwortung? Und welche TonalitĂ€t ist in dieser Situation glaubwĂŒrdig und vertretbar?
Beim Electrisize handelte es sich bei den Misthaufen um ein vergleichsweise harmloses, wenngleich auch fĂŒr alle sichtbares und offenbar kurzfristig nicht lösbares Ărgernis. Genau deshalb konnte Selbstironie funktionieren.
Gute Krisenkommunikation muss nicht steif sein
Vielleicht steckt darin sogar die interessanteste Beobachtung. Professionelle Kommunikation wird gerade im Krisenkontext hĂ€ufig mit einer sehr formalen Sprache verbunden: sachlich, zurĂŒckhaltend, kontrolliert, juristisch möglichst unangreifbar. Das ist in vielen Situationen vollkommen richtig. Aber ProfessionalitĂ€t bedeutet eben nicht automatisch sprachliche Steifheit.
Professionell ist eine Kommunikation vielmehr dann, wenn sie zur Situation, zur Marke und zur Zielgruppe passt. Und genau das scheint hier gelungen zu sein. Electrisize kommuniziert ohnehin vergleichsweise jung, direkt und selbstironisch. Die Schilder wirkten deshalb nicht wie ein hektisch entwickelter PR-Trick, sondern passten zur Markenpersönlichkeit des Festivals.
Das ist wichtig.
Denn Humor in der Krisenkommunikation funktioniert vor allem dann, wenn er authentisch wirkt. Eine Marke, die ansonsten ausschlieĂlich bĂŒrokratisch und distanziert kommuniziert, kann nicht plötzlich glaubwĂŒrdig zum Meme-Account werden, nur weil etwas schiefgeht.
Eine konsistente Brand Voice zahlt sich deshalb gerade in Situationen aus, in denen schnell reagiert werden muss.
Was lĂ€sst sich daraus fĂŒr Festivals lernen?
FĂŒr mich zeigt der kleine Fall aus Erkelenz vor allem drei Dinge.
- Nicht jedes Problem lĂ€sst sich verhindern. Auch sehr professionell organisierte Festivals werden immer wieder mit Situationen konfrontiert, die auĂerhalb der eigenen Planung liegen.
- Kommunikation beginnt nicht erst bei der groĂen Krise. Auch kleine Störungen und Ărgernisse prĂ€gen die Wahrnehmung einer Veranstaltung.
- Gute Kommunikation kann die Bedeutung eines Problems verÀndern, selbst wenn sie das Problem selbst nicht beseitigen kann.
Das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis. Kommunikation ersetzt kein gutes operatives Management. Aber wenn operative Lösungen an Grenzen stoĂen, entscheidet Kommunikation hĂ€ufig mit darĂŒber, ob aus einem Problem Ărger, Gelassenheit oder vielleicht sogar eine gute Geschichte wird.
Beim Electrisize wurde aus zwei Misthaufen jedenfalls ziemlich schnell ein GesprÀchsthema. Und vermutlich werden sich manche GÀste spÀter eher an die Schilder erinnern als an den Geruch.
Shit happens. đ©đ©
Die interessantere Frage fĂŒr das Festivalmanagement ist: Was macht man kommunikativ daraus?


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